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SEMMELWEISS IM INTERVIEW
SEMMELWEISS IM INTERVIEW
Julian Hoffmann interviewt den Vorsitzenden der ARNDORFF-Stiftung Dr. Walter Semmelweiss. Dezember 2008.


Die Arndorff-Stiftung, deren Vorsitz Sie jetzt seit vielen Jahren inne haben, hat eine verworrene Gründungsgeschichte. Carl Friedrich Theodor von Lauffnitz gilt als Vater der Stiftung. Womit fing er an?

Walter Semmelweiss: Carl Friedrich Theodor von Lauffnitz hat 1955, nachdem er sich schon viele Jahre, eigentlich seit dem er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück kam, mit Arndorff beschäftigt, hat diese Stiftung gegründet. Und Carl Friedrich Theodor von Lauffnitz hat ja, das kann man sich ja fast gar nicht mehr vorstellen, das hat man sich ja auch damals gar nicht wirklich vorstellen können, der ist ja aus dem Westen in den Osten rübergemacht. "Rübergemacht" hat man damals gesagt, wenn die Leute von Ost nach West gefahren sind, aber der ist ja genau entgegengesetzt rübergegangen in die DDR, weil die DDR ihm damals, also Mielke persönlich, da muss es über eine Kusine zweiten Grades, ich weiß es nicht, das interessiert mich auch nicht, diese ganzen Familiengeschichten, aber da gab es irgendwelche familiären Bande, die dazu geführt haben, dass von Lauffnitz den Mielke kennengelernt hat, und der hat ihm damals garantiert, dass die Arndorffstiftung in der DDR im Sinne der "Erbepflege", wie sie das da malsgenannt haben, das war ja alles in diesem politischen Kontext eingebaut, die wollten den sich einfach - ich würd mal heute sagen - untern Nagel reißen. Schwamm drüber. Jedenfalls, dadurch ist von Lauffnitz rübergegangen in die DDR, weil er dort gute Gelegenheiten hatte, das war ja damals angegliedert an das Weimarer Goethe-Schiller-Archiv, um dort seine Arbeit für das Arndorff-Archiv und dann die Arndorff-Stiftung überhaupt aufnehmen zu können. Und das Regiem der DDR hat ihm damals alle Unterstützung zugesagt, in Person von Mielke.
Ich finde, das sollte man wissen, man muss das aber auch nicht all zu sehr verbreiten. Heutzutage sind wir alle ja froh, wenn jemand was mit Grubesfeld oder Lichtenau anfangen kann, mit Schwelmstadt, dem ja eigentlich viel zu wenig beachteten touristischen Ort, an dem wir uns hier befinden, mit seinem Museum von Arndorff, wenn Menschen, wenn junge Menschen allzumal, sich für dieses Thema überhaupt interessieren.

Mitbeteiligt an der Herausgabe dieses Buches ist Evelin Elke Rutenlauf...

WS: Die Rutenlauf! Also es gibt keinerlei, wie soll ich sagen, Verstimmungen, wie das jetzt in der Presse in letzter Zeit so kolportiert worden ist, zwischen Fräulein Rutenlauf und mir, und der Stiftung, sozusagen. Also, wir arbeiten Hand in Hand bei so einem Thema und ich bin ja froh, wir alle, um das mal ganz deutlich zu sagen, wir alle sind ja froh, wenn es überhaupt Menschen gibt, die sich für dieses Thema, ich meine dieses außergewöhnlich spannende und ja nachgeradezu hochaktuelle Thema Arndorff überhaupt interessieren. Ich denke, die Arnorffforschung ist grade erst am Beginn, und ich erwarte, oder ich erhoffe mir noch zu meinen Lebzeiten vielleicht die Hochzeit dieser wissenschaftlichen Forschungsgeschichte überhaupt miterleben zu können. Frau Rutenläufer ist eine wichtige Person, die ganz viel dazu beiträgt, überhaupt Arndorff in unserer Zeit populär und bekannt zu machen und der Jugend, gerade der Jugend, den Zugang dazu zu ermöglichen. Von daher ist das auch ganz wichtig, dass diese Frau Rutenlauf da läuft, also aktiv ist.

Die Winsenfragmente gehen mit diesem Buch in die dritte Auflage und vieles ist anders als bei den Winsenfragmenten 1959 und 1986. Man mag ja denken, die Fragmente werden so verlegt, wie sie in den fünfziger Jahren gefunden wurden.

WS: Wir sind da noch, das muss ich sagen, und da bitte ich auch um Ihr Verständnis, und das Verständnis der gewogenen Zuschauer und der geneigten Leser, wir sind mit diesen Fragmenten noch ganz am Anfang. Bislang ist gerade einmal wirklich verifiziert, dass es sich hier um die authentischen Fragmente von Arndorff handelt, und ich bin wirklich froh, das heute hier und in aller Öffentlichkeit und Klarheit manifestieren zu können, dass es wirklich, nach allem was wir heute wissen können, sich um authentische Fragmente von Arndorff handelt.
Das ist natürlich nur der erste Schritt der Erarbeitung, und Sie können sich vorstellen, dass nun ein ganzer Prozess wissenschaftlicher Aufarbeitung in Gang gesetzt werden muss, der sicherlich nicht in kürzester Zeit abzuschließen ist.

Welche Auswirkungen haben die Winsenfragmente bisher auf die Literatur?

WS: Da kann ich jetzt ganz aus aktuellstem Anlass etwas ganz Spannendes berichten. Ich muss sagen, das geht mir immer noch ganz nah und unter die Haut; Ich hatte vor ein paar wenigen Tagen, Wochen, Besuch eines jungen französischen Autors, der mir auch sein Buch gewidmet und persönlich übergeben hat, der auf uns zu kam, also auf uns, da sprech ich natürlich von all den Freunden des Oevres von Arndorff, weil er einfach angetan war. Ein Franzose der deutsch liest. Ich meine, das ist schon mal ganz jenseits aller Literaturgeschichte. Ein außergewöhnlicher Fall! Und dieser junge Mann, dieser Philippe Djian, hat den Kontakt anlässlich einer Berlinreise mit mir gesucht, weil er mir mitteilen wollte, wie sehr er diese profunde Recherche nach dem "Warum sind wir eigentlich hier", die natürlich in der ganzen Romantik, aber doch in einer so außergewöhnlichen und pointierten Weise gerade von unserem Freund Arndorff formuliert und dekliniert wurde. In all ihren Facetten. Mir fällt da gerade ein, dieses wunderbare Gedichtvon Arndorff "Wo die drei Eichen stehn". Wo er dann sagt:

"Wo die drei Eichen stehn
Bin ich zu Haus."

Ich meine, jeder Kommentar kann die Intensität dieser Zeilen eigentlich nur beschädigen.

Durch seine, im Vergleich zu prominenteren Zeitgenossen wie Eichendorff oder Reichhard, für die deutsche Romantik recht unspezifischen Themen stößt Arndorff mit seinen Gedichten und Liedern heute nicht immer auf große Resonanz. Die große Ausnahme: Demeco. Woran liegt das?

WS: Tja, der Demeco, der ist so ein bisschen wie der Junge bei Sokrates, sagen wir es gerade heraus. Und ich denke, eine gewisse homoerotische Seite bei Arndorff und ich glaube überdies in der gesamten deutschen Romantik - das ist noch nicht so ganz erforscht, aber ein Thema, das sich sicherlich (der ein oder andere Student der Germanistik möge aufhorchen) das sich noch zu heben lohnt. Ja, das war die homoerotische Seite von Arndorff, wobei ich das jetzt nicht ins Sexuelle abdriften lassen möchte. Dann kämen wir in so einen Schmuddelbereich, der dem ganzen nicht angemessen wäre. Nein, sagen wir, Demeco ist eine durchaus dem griechischen Knabenideal nachempfundene Personnage. Es gibt auch, wie wir gerade seit kurzer Zeit in den ein oder anderen Forschungen nachlesen können - erste Spuren sichern - es gibt auch für Demeco ein paar denkbare Vorbilder in der Wirklichkeit des Umgangs von unserem Freund von Arndorff.

Sie sagten einmal bei einer Lesung, die Liebe sei für Arndorff Motivation und Inspiration für jedes seiner Werke.

WS: Die Liebe bei von Arndorff. Also, das ist ja seit dem ich diese Stiftung leite mein Lieblingsthema: Arndorff und Eli, wie er Eleonora genannt hat. Damals waren die Namen ja endlos, aber glauben Sie wirklich, wenn die im Bett waren, dass sie miteinander Eleonora und so weiter ausgetauscht haben? Nein. Er hat sie Eli genannt. In seinen Tagebüchern steht es immer wieder: "Geliebte Eli", auch in den sehr privaten Briefen, die auch - und dafür möchte ich die Verantwortung übernehmen - aus nachvollziehbaren Gründen nicht im öffentlichen Zugang des Archivs sind. Und das muss im Sinne einer personenbezogenen Datenschutzstrategie und -politik auch akzeptiert werden. Diese ganz intimen Briefe werden wir natürlich nicht veröffentlichen und auch nur zu selektierten und in ihrer Kompetenz erwiesenen Fachleuten öffnen.
Jedenfalls, seine liebste Eli. Als er dann in Norwegen, Sie wissen das ja, auf der Insel Hitra schwer krank wurde: Also, an dieser Stelle sei mir doch mal gestattet, diese Gerüchte, die nicht aufhören wollen und immer wieder in der Sekundärliteratur auftauchen, an unterschiedlichster Stelle und völlig unsäglich belegt, denen möchte ich doch allen einen Riegel vorschieben für ein und alle mal. Arndorff war krank auf Hitra: Ja. Er war krank, aber er hatte eine Lungenentzündung. Alle ärztlichen Bulletins- ich möchte dazu nur sagen: Ich habe selber die archivierten Unterlagen von Søren Kårkegåårt aus Norwegen inspiziert anlässlich einer Forschungsreise auf Hitra, es handelt sich einwandfrei und eindeutig nur um eine Lungenentzündung. Und all das Gerede von einer angeblichen Syphilis, die unser hoch verehrter Freund von Arndorff gehabt hätte, sind völlig an den Haaren herbeigezogen und widerwärtiges Gerede! Und mieseste Kolportage! Ich denke, das musste mal gesagt werden. Es war keine Syphilis, es war eine Lungenentzündung! Wer badet auch in Norwegen schon im Oktober. Mein Gott, das sollte man nicht tun. Aber gut, das ist jetzt ein bisschen spät darüber zu reden. Jedenfalls es war keine Syphilis. Ich meine die Seiten der, ich sag mal, etwas abseitigen und auch für die damalige Zeit in gewisser Weise innovativen Sexualität von Arndorff sind ja nicht unbedingt pathologisch. Mehr möchte ich hier nicht sagen. Wir haben einen sehr jungen, fundierten Studenten der gerade dieses Thema der Sexualität in der Romantik zwischen Sublimation und hemmungslosem Ausleben in seiner Doktorarbeit behandelt. Und ich denke, das geneigte Publikum wird noch ein paar Jahre warten müssen, aber wir werden dann einen profunden und auch tiefenpsychologisch fundierten Aufschluss über dieses etwas heikle Kapitel bei Arndorff, oder dieses anrüchig gewordene, ja am liebsten möchte ich sagen: anrüchig gemachte Kapitel der Vita Arndorffs und des künstlerischen Schaffens und der künstlerischen Ressourcen bei Arndorff - erhellen wird. Sein wir drauf gespannt und ich kann Ihnen garantieren, nach all den Seiten die ich schon gelesen habe, das wird ein ganz spannendes Sekundärwerk. Freuen Sie sich einfach darauf!