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UNSCHULDSGEDANKEN
UNSCHULDSGEDANKEN
Tagebucheintrag nach dem Theatermusikprojekt UNSCHULD UNSCHULD vom Dezember 2006.


UNSCHULD war musikalisch gesehen ein äußerst erfolgreiches Projekt für mich! Bin im Nachhinein mit der Musik sehr zufrieden und denke besonders positiv über die gute Zusammenarbeit mit Elzbieta (Regisseurin) zurück. Ich konnte Künstler sein, ich konnte frei sein, hemmungslos. Deshalb sind auch einige gute Sachen entstanden. Und ich habe aus dem VERITÉ AU SOLEIL-Stil, dem CRIMES-Stil (frühere Theatermusiken) und meinem aktuellen Musikstil einen ganz eigenständigen UNSCHULD-Stil entwickelt. Sehr verspielt, mit Swing, Kitsch und Nostagie, mit emotionalen und andeutend-assoziativen Geräuschcollagen. Und es sind mir paar sehr selbstständige Motive mit hohem Kultpotenzial gelungen. Stolz bin ich momentan besonders auf den Ellagroove, das Habersattthema und die Zuckermelodie. Den Puppentanz hab ich schon weiterverarbeitet und ein neues Lied draus gemacht. Das ist eine ganz tolle Melodie. Es ist gut, wenn die Leute denken, es sei eine altbekannte Melodie, die man von irgendwoher kennt.
Gut waren auch die Momente, wenn Karel (Choreograph) loslegte und Tänze zu meiner Musik anlegte. Tolles Gefühl. Grad weil Karel ein Meister ist und ich viel von ihm halte.

Ich möchte jetzt mal versuchen, mein UNSCHULD-Konzept zu formulieren: Ich arbeite mit den Assoziationen des Zuhörers. Ich schreibe Melodien, die ein bestimmtes eindeutiges Lebensgefühl ausstrahlen und baue ihnen ein Arrangement mit ganz eigener Ästhetik. Z.B. Zucker: Eine standard Countrymelodie mit standard bluesiger Begleitung in der Ästhetik von der Musik alter Computerspiele oder einer Kaufhaus-Telefonwarteschleife.
Die Idee kam über die Überlegung: Welche Figur hört welche Musik? Frau Zucker mit ihrer Tankwartgeschichte und ihrer Generation hört bestimmt Country (auch gern: Cat Stevens, James Taylor, Elvis). Die Erlebniswelt von ihr und im Hause Zucker ist allerdings eindimensional wie schlechte MIDI-Musik.
Wenn dazu dann Marcels mitreißende Stimme ertönt, wird die Musik zum höhnischen Werbespot, zum perfiden Trailer der Familie Zucker. Rosas Satz "Ich wünsche mir, dass das Leben weitergeht" wird zu einem verblendeten "Das Leben geht weiter".
Oder Ella: Eine Melodie mit "Löwenzahn"-Lebensgefühl, verspielt mit Schnalz und Schnips arrangiert, dazu rhythmische Breaks aus emotional-assoziativen Gegenstans-Geräuschen. Uhrticken, Kuckuck, Glocke. Assoziation zwischen Oma und Weihnachtsmann. Dazu die zufriedene Stimme eines reifen Herrens. Alte Kaufmannsladen-Ästhetik. Eine Welt voller Senioren-Junioren-Harmonie, voller Guter Alter Zeit und staunend-liebevoller Weltsicht. Naja, und dann kommt Ella und die Welt sieht plötzlich ganz ganz anders aus.

Das ist das Prinzip. Die Trailer, die Titelmelodien, bedienen ein Klischee, sie erschaffen eine Welt, aus der die Tragik und Absurdität der Szene deutlich herausfallen. Die Trailer öffnen eine längst vergangene Welt, in der sich die Figuren vielleicht einmal befanden oder in die sie sich wünschten. Dagegen erscheint dann die Realität der Figuren ernüchternd hoffnungslos und trist.
Die Habersattmusik funktioniert direkter. Sie unterstützt bis ins Absurde den Charakter der Figur. Penetrant wilde Schreibmaschinen zeigen ein Büro und Maschinengewehre, eine E-Gitarre als große amerikanische Geste spielt ein Bluesrockriff. Dann plötzlich der Bruch zu den Wildgänsen, die einerseits den Strand für Elisio öffnen, andererseits Frau Habersatts Zugvogelwunschtraum bedienen. Hier ist der Kontrast zwischen Musik und Figur nicht so groß; die Musik unterstützt nur das Bild einer Sekretärin und einer Frau der großen, rücksichtslosen Geste.

Die Geräuschcollagen habe ich versucht in einer Mehrdeutigkeit zu belassen. Die Musik nach den Selbstmördern soll keine Antwort auf die Frage "Springen oder Nicht springen" geben, sondern nur der Größe der Entscheidung gerecht werden. Die schnelle Abfolge der Geräusche von Menschenmengen, Megafondurchsage, Kind, Piepen und Rauschen kann sowohl die rasante Rückschau auf das eigene Leben im Moment des Todes sein, als auch die Reihe der Ereignisse, die ein Selbstmordversuch nach sich zieht: Aufprall, Panik, Schaulustige, Polizei, Krankenwagen, Pulskontrolle etc.

UNSCHULD war ein angenehmes und lehrreiches Projekt, für das ich sowohl einen neunen, projekteigenen Stil gefunden, als auch mehrere, ganz unabhängige Motive verwendet habe.